Provokation
Herausforderung
Hannah Arendt, Willy Brandt, Bertolt Brecht, Albert Einstein, Thomas Mann … sie wurden ausgebürgert, weil die Nationalsozialisten sie aus dem Volkskörper ausschließen wollten. Die Eltern des Grundgesetzes haben die Lehre gezogen und den Entzug der deutschen Staatsangehörigkeit auch bei Straffälligkeit oder anderen Gründen ausgeschlossen. Einzige Ausnahme ist, wenn sich im Nachhinein herausstellt, dass die Einbürgerung erschlichen wurde.
Es ist eine Forderung, die der Kanzlerkandidat Friedrich Merz aufstellt, die gar nicht umsetzbar ist und doch Folgen hat: Millionen Deutsche fühlen sich als Bürger*innen zweiter Klasse. Manche bangen um ihre Sicherheit, die eh schon durch die wachsende rassistische Gewalt bedroht ist.
Generalsekretär Carsten Linnenmann forderte neulich ein Verzeichnis der psychisch Kranken. Es bleibt zu hoffen, eine Partei, die sich christlich nennt und als bürgerlich versteht, nach dem Wahlkampf wieder zur Besinnung kommt.
Georg Rieger RefApp
„Wie bekomme ich Elon Musk dazu, dass er meine Organisation hated?“ Das ist aktuell die Herausforderung für erfolgversprechendes Fundraising. Wikipedia hat es geschafft. In wenigen Stunden konnte die Wissens-Plattform das Spendenaufkommen vervielfachen. Elon Musk hatte dazu aufgerufen, wikipedia nicht mehr zu unterstützen, weil es zu woke sei.
Der Milliardär wird von einem regelrechten Hass gegen Wohltätigkeit getrieben. Seine Tiraden bekommt unter anderen regelmäßig MacKenzie Scott, die Ex-Frau von Jeff Bezos, ab. Sie spendet Milliarden an wohltätige Organisationen, die der Armut entgegenwirken. Jüngst nannte Musk sie deshalb eine Gefahr für die westliche Zivilisation.
Doch auch Scott wird dadurch nur angestachelt, noch mehr zu tun. So wird Elon Musk zum vielleicht größten Wohltäter aller Zeiten – ohne einen Cent selbst zu spenden. Protest ist vielleicht nicht die beste Motivation Gutes zu tun. Aber auch nicht die schlechteste, wenn es darum geht, dem um sich greifenden Sozialdarwinismus etwas entgegenzusetzen.
Georg Rieger
Der amerikanische Milliardär Elon Musk nimmt global Einfluss auf die Politik. Er sitzt auf dem Schoß des künftigen US-Präsidenten (manche behaupten auch, es sei umgekehrt), ihm gehören die Satelliten, die für die Verteidigung westlicher Länder wichtig sind. Er finanziert rechte und faschistische Parteien in Europa. Die dominierende Nachrichtenplattform gehört ihm nicht nur, sondern er nutzt sie persönlich zur Verbreitung von Hass und Hetze.
James-Bond-Filme wurden immer belächelt – insbesondere wegen ihrer konstruierten Bösewichte. Nun ist diese Seite des Plots eindrucksvoll Realität geworden. Doch auf den rettenden Agenten oder auch die rettende Agentin werden wir wohl vergeblich warten. Müssen wir also alle den James Bond in uns aktivieren? Gott bewahre! Aber es sollte uns in der Tat bald etwas einfallen, wie wir diesen Verrückten in die Schranken weisen.
Georg Rieger
Die amerikanische Anthropologin Margaret Mead hat (schon vor mehreren Jahrzehnten) auf die Frage nach den ersten Anzeichen der Zivilisation auf Funde von verheilten Oberschenkelknochen verwiesen. Während Tiere mit solchen Verletzungen keine Überlebenschance hätten, sei dieser Mensch vor circa 5000 Jahre über längere Zeit versorgt und beschützt worden.
In Zeiten einer leidlich funktionierenden Gesundheitsversorgung könnten wir uns mit einem zufriedenen „Siehste!“ zurücklehnen. Gäbe es da nicht ernstzunehmende Anzeichen, dass auch solche zivilisatorischen Errungenschaften wieder in Frage gestellt werden. Und sei es nur durch das vermeintlich logische, aber konstruierte Argument, dass wir ja nicht allen helfen können.
Die Mitmenschlichkeit als Schwäche oder Überforderung zu framen, ist eine Methode des Faschismus, der – wie wir in der Geschichte unseres Landes sehen können – Menschen zu Tieren macht.
Quelle: Der andere Advent 2024
Georg Rieger
„Den Reichen etwas wegzunehmen, bringt nichts. Das Ist höchstens ein Tropfen auf den heißen Stein“, so wurde und wird immer erklärt, warum Umverteilung angeblich nichts bringt. Ein anderes Argument, das alle ausgleichenden Bemühungen im Keim erstickt: „Neid ist ein schlechtes Motiv.“
Die ETH Zürich und andere Institute haben recherchiert, wieviel Steuern Superreiche tatsächlich bezahlen: Es ist weit weniger als der Spitzensteuersatz, den „normal reiche“ Mittelständler durchaus begleichen. Nicht Neid, sondern Gerechtigkeit, treiben also zu einer konsequenten Besteuerung an. Und dass eine Vermögens- oder Reichensteuer nichts bringt, ist auch nicht richtig. Greenpeace hat berechnet, dass bei einer Sondersteuer für die 5.000 vermögendsten Personen 200 Milliarden herausspringen würden.
Einfacher ist es natürlich, das Bürgergeld zu kürzen und mit anderen sozialen Leistungen ein paar Milliarden einzusparen. Währenddessen steigen die Vermögen der Superreichen weiter. Und diese Vermögen geben ihnen die Möglichkeit, Einfluss auf die Meinungsbildung zu nehmen und weiter die Narrative zu pflegen, die besagen, dass es nichts bringt ... (siehe oben!)
Quellen: WirtschaftsWoche, Lisa Ksienrzyk 19.04.2024. epd 6.12.24. @mondschaf23 6.12.24
Georg Rieger
Der Ampel-Ausstiegsplan der FDP führt uns vor Augen, wie wichtig die Zurückhaltung mit Bildern auch beim Sprechen sein kann: „D-Day“, „offene Feldschlacht“ – und das alles in eine Pyramide gezeichnet – das sind alles interessante, aber eben auch verräterische und selbstbeschädigende Assoziationen.
„D-Day“ spielt wohl auf den lange geheim gehaltenen Tag der Landung der Alliierten in der Normandie an und auf den Wendepunkt im Verlauf des Zweiten Weltkriegs. Die Wirkkraft eigener Entscheidungen kann man so natürlich versuchen zu erhöhen. Könnte aber auch schiefgehen und das Gegenteil bewirken.
Eine „offene Feldschlacht“ ist es in gewisser Weise tatsächlich geworden, an deren Front nun auch – wie in den meisten Kriegen – die Parteisoldaten geopfert werden, während in der Kommandozentrale Durchhalteparolen ausgegeben werden.
Und mit der Pyramide ist ein besonderer Hattrick gelungen, weil deren Form das autoritäre Top-Down-Prinzip untermalt, dem sich die FDP unterworfen hat. Gleichzeitig ist das Bild ein wahrscheinlich nicht intendierter Lösungsvorschlag: Pyramiden sind nämlich Gräber.
Georg Rieger
In den sozialen Medien läuft gerade eine Aktion #womaninmalefields. Sprüche, die sich Frauen anhören müssen, werden auf Männer umformuliert. Klingt nach billiger Retourkutsche, ist aber ganz anders gemeint und wirkt auch ganz anders: Selbst wer solche Sprüche selbst nicht sagt, merkt, wie verletzend sie sind.
Passend dazu hat sich Friedrich Merz jüngst zur Rolle der Frauen im Staat geäußert: „Wir werden dieses Land ohne Frauen nicht nach vorne bringen.“ Wie herablassend dieser Satz ist, wird klar, wenn man ihn sich umgekehrt von über Männer gesagt vorstellt.
Georg Rieger RefApp
Im März 1933 hat die NSDAP bei den letzten Reichstagswahlen 43,9 % der Stimmen erhalten. Drei Monate schafften sie es, die SPD zu verbieten und einen weiteren Monat später die Neubildung von Parteien. Zu allen folgenden „Wahlen“ war nur noch die NSDAP zugelassen.
Bisher dachten wir, die Vereinigten Staaten hätten nicht nur die mit Abstand älteste demokratische Tradition, sondern auch die stabilste. Es bleibt abzuwarten, was Donald Trump aus seinen Ankündigungen macht, zum Beispiel der, dass dies die letzte Wahl sei. Oder der, dass er seine politischen Gegner einsperren wolle. Seine Ausgangslage ist weitaus besser als die Adolf Hitlers. Und die Analysen der US-Wahl zeigen, dass demokratische Regeln im Ranking der Menschen ziemlich weit unten vorkommen.
Wir können weiter daran glauben, dass das bei uns anders ist. Oder die demokratischen Parteien darin unterstützen, zukunftsweisende und gerechte Entscheidungen zu treffen.
Georg Rieger
Das VW-Management fordert zur Sanierung des Konzerns eine Lohnsenkung um 10 Prozent. Es droht die Schließung von Werken mit der Folge von Zehntausenden Arbeitslosen. VW- Markenchef Thomas Schäfer begründet die Schritte damit, die deutschen Standorte „seien nicht produktiv genug“.
Von Managementfehlern mal abgesehen, die der eigentliche Grund für den Umsatzeinbruch sind: Dem Konzern geht es so schlecht, dass die Aktionärs-Hauptversammlung Ende Mai eine Dividende von 9,06 Euro pro Vorzugsaktie auszahlen konnte. Das ergibt einen Betrag von ca. 4,5 Milliarden. Hauptaktionäre mit 53 Prozent sind die Familien Porsche und Piech.
Merke: Das Geld ist nie weg, sondern nur woanders.
Georg Rieger
Thomas Gottschalk gibt sich gerne als etwas unbedarft. Was meint, dass er gerne so reden will, wie ihm der Schnabel gewachsen ist – ohne viel nachzudenken. Eingeschlossen Bemerkungen, die sexistisch oder rassistisch sind. Er würde wohl sagen: die sexistisch oder rassistisch aufgefasst werden wollen.
Diese Schuldumkehr ist das eigentliche Problem. Seit seiner letzten Sendung betreibt er diese – und zuletzt durch ein ganzes Buch, in dem er beklagt, dass er nicht mehr „Ungefiltert“ (so der Titel) reden darf.
In einem Interview fügte Gottschalk jüngst hinzu, dass er es nicht genießt, „angepinkelt“ zu werden. Mitunter hat man das Gefühl, dass doch. Denn Tommy hätte sich einfach in den Ruhestand verabschieden können und alle hätten seine Sprüche und seine Tätscheleien als ein Phänomen einer vergangenen Zeit verbucht.
Weil ihm die Aufmerksamkeit wichtiger ist, macht er sich zunehmend lächerlich. Dabei kann er durchaus sympathisch selbstironisch sein – wie am Ende seines Buches: "Hier schreibt sich einer seinen Frust von der Seele, der in Wirklichkeit damit hadert, dass nichts mehr so ist, wie es einmal war, und der klagt, dass er nicht mehr das ist, was er mal war."
Quelle: Treads selinakristin (24.10.24)
Georg Rieger
